Tourette - wenn das Gehirn Schluckauf hat!

Veröffentlicht am 19. Oktober 2020 um 11:46

Viele von euch haben möglicherweise schon einmal davon gehört oder darüber gelesen, aber wissen vielleicht recht wenig, was es damit auf sich hat. Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung des Gehirns, die sich in sogenannten Tics manifestiert. Unter dem Begriff Tic versteht man unwillkürliche, unkontrollierte, schnelle und teilweise oft aufeinanderfolgende Muskelkontraktionen und/oder Lauteäußerungen.

 

Komorbiditäten

Jedoch leiden Betroffenen neben dem Tourette-Syndrom meistens noch an Begleiterkrankungen, so genannten Komorbiditäten. Dabei handelt es sich in der Regel um das ADHS, Zwangstörungen, Depressionen oder auch autoaggressives Verhalten

 

Forschung 

So wie bei vielen anderen Krankheiten wurde auch das Tourette-Syndrom nach seinem Entdecker bzw. auf diesem Gebiet forschende Wissenschaftler benannt. Dieser war der französische Neurologe und Psychiater Georges Gilles de la Tourette, welcher von 1857 bis 1904 lebte und das Krankheitsbild erstmals 1884 beschrieb. Und auch wenn die Krankheit bereits über hundert Jahre bekannt ist und seitdem erforscht wird, weiß die Wissenschaft noch sehr wenig darüber. Es wird angenommen, dass es sich dabei um eine Störung des Dopaminstoffwechsels handelt. Dopamin ist ein Neurotransmitter, auch Botenstoff genannt, der für die Übertragung von Nervenreizen im Gehirn verantwortlich ist. Diese Botenstoffe, zu denen neben Dopamin auch Serotonin und Noradrenalin gehören, werden vom Gehirn ausgeschüttet, um besagte Nerveninformationen an den Synapsen zu übertragen. Wie bei anderen neurologischen Erkrankungen, z.B. ADHS, werden auch beim Tourette-Syndrom diese Botenstoffe vom Gehirn zu früh wieder aufgenommen, was zu Störungen in bestimmten Gehirnarealen (Basalganglien) führt und die typischen Symptome auslöst. Lediglich gesichert ist die Behauptung, dass das Tourette-Syndrom nicht heilbar ist. Allenfalls können durch verschiedene Therapieformen die Symptome gemindert werden.

 

Symptome 

Die Symptome lassen sich unterteilen in einfache motorische und einfache vokale Tics. Weiter unterscheidet man multiple bzw. komplexe motorische und komplexe vokale Tics. Motorische Tics äußern sich beispielsweise in Augenblinzeln, Naserümpfen, Grimassenschneiden, ruckartiges Kopfwerfen oder Zuckungen der Arme. Bei den vokalen Tics handelt es sich unter anderem um Grunzen, Schreien, Äußerungen von zusammenhanglosen Worten oder Sätzen (Echolalie bzw. Palilalie) bishin zu Ausschleudern von Obszönitäten (Koprolalie). Wenn diese Tics einzeln für sich auftreten spricht man von Tic-Störungen. Treten jedoch bei einem Betroffenen kombinierte, also sowohl motorische als auch vokale Tics auf, so leidet er an der ultimativen Form – dem Tourette-Syndrom! Dabei ist es unerheblich, welche Tics, in welcher Kombination, Häufigkeit und Stärke auftreten.

 

Therapie 

Medikamente

Wenn auch, wie besagt, eine Heilung der Krankheit zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich ist, gibt es doch verschiedene Arten der Therapie, die eine Minderung der Symptome ermöglichen. So gibt es zum einen die medikamentöse Therapie, welche aktuell zu den meist angewandten zählt. Zu nennen wären Präparate wie Tiaprid®, ein Antihyperkinetikum aus der Gruppe der typischen Neuroleptika, sowie Haloperidol und Risperidon, zwei hochpotente Neuroleptika, die in der Psychiatrie vorrangig zur Behandlung von Schizophrenie angezeigt sind. Dennoch gilt Letzteres meines Wissens als Medikament der ersten Wahl zur Behandlung von Tic-Störungen und des Tourette-Syndroms. Auch wenn beide Medikamente eine bestimmte Wirkung versprechen, gehen sie doch mit schweren Nebenwirkungen einher. Diese können extrapyramidale Hyperkinesen sein, wie beispielsweise der typische roboterhafte Gang, andere Bewegungsstörungen oder auch Veränderungen der Mimik. Neben der Einnahme chemischer Substanzen, gibt es auch die Möglichkeit des pflanzlichen Konsums. Cannabidiol, auch CBD genannt, ist Bestandteil der weiblichen Hanfblüten. Der Wirkstoff ist im Gegensatz zu Tetrahydrocannabinol (THC) nicht psychoaktiv, er wirkt also nicht berauschend, sondern vielmehr sedierend, schmerzlindernd, entzündungshemmend und angstlösend.

Psychotherapie 

Eine weitere Behandlungsform ist die Psychotherapie. Dabei lernen Betroffene ihre Symptome frühzeitig zu erkennen bzw. die unwohlen Gefühle zu spüren, um ihnen dann mit sogenannten Skills entgegenzuwirken. Skills sind individuelle Übungswerkzeuge, die jeder für sich selbst herausfinden und definieren muss, um sie bei Bedarf richtig anwenden zu können. Das benötigt viel Übung, eine gewisse Zeit und Kontinuität. In verschiedenen Gesprächen jedoch teilten mir Betroffene mit, dass diese Form der Therapie für jeden Einzelnen doch sehr hilfreich, praktikabel und so eine adäquate Alternative zu den gängigen Medikamenten sei. 

Tiefe Hirnstimulation 

Darüber hinaus gibt es auch noch eine dritte Möglichkeit, den quälenden Symptomen des Tourette-Syndroms Einhalt zu gebieten. Dabei handelt es sich um einen neurochirurgischen Eingriff – die Implantation eines Hirnschrittmachers. Halt, werden Einige von euch erstmal sagen, aber diese Art der Behandlung kann, wenn auch als ultimative Möglichkeit, für viele Betroffene die beste, möglicherweise einzige Therapieform sein. Ich möchte dafür keinerlei Präferenz abgeben, sondern lediglich auf diese Option hinweisen. 

Bei der Operation werden zwei kleine Löcher etwa 14 Zentimeter tief in den Schädel gebohrt, in welche dann je eine Elektrode implantiert wird. Die Kabel werden subkutan, also unterhalb der Haut entlang verlegt. Der eigentliche Schrittmacher ist ein elektronisches Gerät von der Größe einer Zigarettenschachtel, welcher wahlweise im Brust- oder Bauchbereich eingesetzt wird. Die medizinische Bezeichnung für diese Therapieform nennt sich „Tiefe Hirnstimulation“, auch THS genannt. Meinen Recherchen nach wurde dieser Eingriff weltweit bisher ca. 200, bundesweit 30 Mal durchgeführt - immer mit Erfolg, mehr oder minder. Denn auch diese Operation heilt die Krankheit nicht, sondern verschafft eine Linderung der so heftig ausgeprägten Symptome. Berichten zufolge gibt es Betroffene, die nach der OP nahezu tic-frei sind. Lediglich in bestimmten, meist stressbedingten Alltagssituationen, treten die Tics dann noch vereinzelt auf.

Die Risiken der OP sollen dabei eher gering ausfallen. Man spricht von etwa 1 Prozent, bei denen es zu Komplikationen, wie einer Hirnblutung, kommen kann. Selbstredend ist, dass für diesen Eingriff umfangreiche Voruntersuchungen erforderlich sind und durchgeführt werden, um eben jede kleinste Eventualität auszuschließen. Dennoch muss diese Entscheidung jeder für sich selbst treffen, sofern die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Denn wie bei vielen anderen Kassenleistungen wird eine Kostenübernahme auch hier im Einzelfall entschieden. Immerhin sollen sich die Kosten für die Operation auf ca. 35.000 Euro belaufen. Das Gerät des Hirnschrittmachers kostet ca. 15.000 Euro und muss etwa alle fünf Jahre ausgetauscht werden.

bald geht's auch hier weiter...